Interview mit Franziska Ferber (Kinderwunsch Coach)

Interview mit Franziska Ferber (Kinderwunsch Coach)

Frau Ferber hatte lange einen Kinderwunsch, der leider nicht erfüllt wurde. Aber sie hat dennoch ihre Berufung gefunden und hilft nun Frauen in der Kinderwunschzeit.

Wie lang war Ihre Kinderwunschzeit?

Mein Mann und ich haben jahrelang versucht ein Kind zu bekommen – schon vor der Hochzeit. Wir haben über viele Jahre hinweg alles genutzt, was reproduktionsmedizinisch in unserem Land möglich und für uns ethisch vertretbar war. Und wir haben kein Kind bekommen.

Was haben Sie erlebt und wie würden Sie die Zeit beschreiben?

Genau darüber habe ich gerade mein Buch „Unsere Glückszahl ist die Zwei“ geschrieben, das am 13. Juni erscheint. Es war ein langer, harter Weg – in den wir mit viel Hoffnung und Zutrauen gestartet sind und der zunehmend emotional schwieriger wurde.
Kaum ist man (wie ich damals) knapp über 30, verheiratet und kinderlos, muss man leider häufig mit Vorverurteilungen (sowohl im beruflichen wie auch privaten Umfeld) umgehen. Die einen (be-)fördern einen nicht mehr, weil man annimmt, dass die Frau „ratz-fatz“ in Babypause gehen wird und es sich nicht „lohnt“; die anderen setzen einen (haltlosen) Thesen aus, man sei beruflich derartig ambitioniert und egoistisch, dass man bewusst kein Kind wolle. Und wenn dann die liebe Familie noch Unverständnis zeigt oder man sich einer Vielzahl von vermeintlichen „Erfolgstipps“ ausgesetzt sieht, denen man ob fehlender Überzeugung oder Kraft nichts entgegen zu setzen hat, verstummt man schließlich. Auch Freundschaften empfand ich in dieser Zeit häufig belastet, weil bspw. die bisherigen Vertrauenspersonen (wie die bisher gute Freundin) auf einmal selbst schwanger ist und einen anderen Themenhorizont besetzt. Oder sie zeigen Unverständnis. Oder noch schlimmer: Mitleid – statt Mitgefühl. Es wird einsam um einen herum, wenn sich das Umfeld schwer tut, mit dem Thema, das einen selbst Tag und Nacht, Monat für Monat, so tief beschäftigt, umzugehen. Die Schweigespirale ist in Gang – und es wird emotional immer noch einsamer.

Auch fiel es mir ziemlich schwer, mich in dieser Lebensphase in der Öffentlichkeit, auf Feiern und Parties oder innerhalb der Familie zu bewegen, denn das Thema Kinder / Schwangerschaft / Kinderwunsch ist unausweichlich und konfrontiert einen immer wieder mit der eigenen unerfüllten Sehnsucht und damit dem eigenen Leid. Diese Einsamkeit; das Gefühl über das, was bei „den Anderen“ so natürlich zu klappen scheint, nicht erreichen zu können, setzt eine Abwärtsspirale in Gang, in der Viele verloren zu gehen drohen.

Am Schlimmsten war es für mich zu merken, wie sehr ich durch das ‚Nicht Ereignis‘ Schwangerschaft und Wunschkind zu kämpfen hatte. Der Kontrollverlust war für mich kaum zu ertragen.

Wenn dann sicher ist, dass der Kinderwunsch auch noch verabschiedet werden muss, liegt ein langer und manchmal auch harter Weg des Loslassens vor einem.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie sich nun langsam von Ihrem Kinderwunsch verabschieden müssen?

Natürlich haben wir uns auch ‚abstrakt’ immer wieder während der Kinderwunschbehandlungszeiten damit beschäftigt, dass es sein kann, dass wir unser Wunschkind nicht bekommen. Aber so recht glauben wollten wir das nicht. Irgendwann ging es mir – nicht zuletzt wegen der vielen Hormone – immer schlechter, ich wurde dauer-traurig und immer einsamer. Irgendwann gingen meinem Mann und mir die Kräfte aus, den Kinderwunsch weiterzuverfolgen. Wir mussten uns ab da konkret mit dem Loslassen beschäftigen und einen weiteren langen, steinigen Weg gehen. Dennoch war der Anfang gemacht und wir haben es geschafft, zufrieden auf das zu blicken, was wir haben – nicht mehr auf das, was uns fehlt. Heute sind wir glücklich und zufrieden… und endlich auch wieder kraftvoll. Ich habe aus meinem eigenen Leid heraus beschlossen, mit ein Angebot zu schaffen, das Hilfe anbietet. Als ich damals Unterstützung suchte, konnte ich niemanden finden, der sich darauf spezialisiert hatte und zu mir passte. Nun arbeite ich seit Jahren als Kinderwunsch Coach und freue mich, wenn ich dazu beitragen kann, dass es anderen Menschen ein Stück besser geht als mir damals.

Wann suchen Frauen bzw. Paare Sie auf?

Die meisten Frauen, Männer bzw. Paare kommen, wenn sie schon eine Weile versucht haben, alleine mit dem Schmerz der Kinderlosigkeit umzugehen und merken, dass sie an ihre Grenzen kommen – psychisch, mit ihrem sozialen Umfeld und auch mit der Partnerschaft. Die Fragestellungen sind sehr individuell – aber man kann sie bündeln unter dem Gedanken, dass mir diese Menschen vertrauen, weil ich den Weg, den sie gerade gehen und auf dem sie oftmals verzweifelt nach Wegweisern Ausschau halten, schon gegangen bin. Bei mir muss sich niemand erklären, weshalb der Kinderwunsch so tief geht, die Verzweiflung so groß ist und das Umfeld einen auf einmal nicht mehr emotional erreicht. Ich weiss das und kann gerade deshalb sehr effektiv als Coach mit den Menschen an ihrer Situation arbeiten.

Was fällt Ihnen auf in der Arbeit mit den Frauen/ Paaren? Hat sich der Umgang mit dem Thema Kinderwunsch mit der Zeit verändert? (sind die Menschen unentspannter oder planen sie es mehr wie ein Projekt etc.?)

Wie es ‚ganz früher’ war, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aus vielen Gesprächen mit Frauen, die in den 60er, 70er, 80er Jahren unter dem ‚Nicht-Ereignis’ Schwangerschaft und Wunschkind litten, weiss ich aber, dass man dieses Schicksal damals zu akzeptieren hatte – weil es eine medizinischen Möglichkeiten gab. Heute sieht das deutlich anders aus. Und genau darin liegt Fluch und Segen. Denn wenn ‚viel geht’ muss man seine Grenzen selbst definieren. Und wenn man sich gegen eine Behandlungsoption entscheidet, muss man auch damit zu leben lernen, dass man eben unter Umständen ‚nicht alles getan’ hat. Das erzeugt tiefe Prozesse, die vielen Menschen schwer fallen. Unterstützung hierbei kann es erleichtern.

Warum ist die Kinderwunsch-Zeit immer noch ein Tabu-Thema?

Ich habe schon erwähnt, dass ich mit vielen älteren Frauen gesprochen habe, die mir alle berichtet haben, dass es früher kein Tabu-Thema war. Ich schließe daraus, dass es erst zu diesem wurde als die reproduktionsmedizinischen Maßnahmen aufkamen und nach und nach vielfältiger wurden. Wer sich gegen etwas entscheidet, kann sich unter Umständen dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie oder er dürfe sich ja nicht beklagen – schließlich hätte die eine Methode, der eine Tee, die eine Behandlung nun ja genau das Wunschkind bringen können. Gerade in einer Zeit, in der die emotionalen Kräfte sowieso geschwächt sind, fehlt oft die Kraft, sich zu erklären. Wer solche Vorwürfe ahnt, schweigt lieber.

Kommen auch Männer zu Ihnen?

Natürlich. Ich habe immer wieder Anfragen von Männern, die für sich Wege finden wollen zu verstehen, was in ihrer Partnerin vor sich geht und die herausfinden wollen, wie sie sie unterstützen und emotional begleiten können. Männer sind auch Betroffene, wenn es in einer Partnerschaft um die ungewollte Kinderlosigkeit geht. Natürlich sind die Frauen – schon wegen der Körperlichkeit – oftmals stärker involviert. Aber deswegen dürfen wir nicht vergessen, dass auch der Partner von einem Kind und einer Familie träumt und somit mit Kummer, Trauer und Ängsten umzugehen hat.
Während der Kinderwunschzeit verändert sich oftmals auch die Partnerschaft. Manchmal hilft es dem Paar, wenn ich für eine gewisse Zeit als ‚Übersetzerin’ tätig bin und der jeweiligen einen Seite das Erleben der anderen verdeutliche. Auf Grund der vielen Gesprächsstunden an Erfahrung gelingt mir das oftmals ganz gut und bietet – nicht nur für die Männer – eine große Entlastung, wenn sie neue Wege im Miteinander gestalten können… ohne sich selbst zu verlieren.

Haben Sie einen kleinen Mut mach-Gedanken für die Frauen, die aktuell in der Kinderwunschzeit stecken?

Ich bin ein großer Fan von Ermutigung und Stärkung und wende diese auch viel in meinen Coachings an. Generell setze ich stark darauf, die Kräfte auch und gerade durch Ermutigung zu stärken. Aber ich tue dies sehr individuell nachdem ich meine Kundin oder meinen Kunden kenne. Pauschalen Rat mag’ ich nicht besonders gerne; er verfehlt – leider – zu oft sein gut gemeintes Ziel.
Viel zu oft hören die Betroffenen Ratschläge wie „entspann’ Dich mal; dann wird es schon“. Sicherlich hat dieser Rat seine Berechtigung – aber dennoch sagt einem Niemand, wie das geht, sich zu entspannen, wenn jeder einzelne Lebensbereich sich durch den unerfüllten Kinderwunsch verändert.
Ich persönlich halte es Tag für Tag – auch noch Jahre nach dem aktiven Kinderwunsch und dem Weg des Loslassens mit dem Satz: Wähle Deine Einstellung – willst Du dauerhaft traurig auf das blicken, was in Deinem Leben fehlt oder zufrieden auf das schauen, was gut ist?


Franziska Ferber war einige Jahre als Unternehmensberaterin tätig. Als sie und ihr Mann erfuhren, dass sie keine gemeinsamen Kinder werden haben können, mussten sie ihr Glück ganz neu finden. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund ließ Franziska Ferber sich über Jahre hinweg zum systemischen Coach ausbilden und beschäftigte sich intensiv mit den psychischen Aspekten des Kinderwunsches. Heute begleitet sie im deutschsprachigen Raum ungewollt kinderlose Menschen und Paare, die sich ein Kind wünschen, sich Kinderwunschbehandlungen unterziehen oder sich vom Kinderwunsch verabschieden. Mehr dazu auf www.kindersehnsucht.de

Die Kommentare sind geschloßen.